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Deutschland zieht um

Gewinner und Verlierer der Binnenwanderung:

Die Ökonomie in Deutschland bestimmt weitgehend die Demografie. Die Menschen zieht es primär dorthin, wo es Arbeit gibt. So erklärt sich die starke Binnenwanderung innerhalb Deutschlands, die in den letzten Jahren stattgefunden hat – und auch weiterhin anhalten wird. Erst in zweiter Linie suchen die Menschen nach Ruhe, Freizeit- und Kulturangeboten und einer familienfreundlichen Umgebung. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie „Deutschland 2020 – die demografische Zukunft der Nation“, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung kürzlich vorgelegt hat.

Wo es wirtschaftlich besser geht, ziehen nicht nur viele, sondern auch besonders gut ausgebildete Menschen hin. Diese Gebiete werben die besten Köpfe aus anderen Gegenden ab. Sie verbessern so die Standortqualität – was die Ungleichgewichte zwischen den Regionen weiter verschärft. Eine Ausnahme zu diesem Trend der Wirtschaftswanderung scheint es in Gebieten mit vergleichsweise hoher Geburtenrate zu geben. Verschiedene Gebiete in Westniedersachen um die Stadt Cloppenburg und in Nordrhein-Westfalen um Borken bringen – vermutlich unterstützt durch relativ hohe Kinderzahlen pro Frau – eine eigene Entwicklung hervor, die Arbeitsplätze schafft und für die Ansiedlung von Gewerbe und Kleinbetreiben sorgt.

Baden-Württemberg steht am besten da
Ganz oben in der Deutschland-Wertung des Berlin-Instituts stehen die beiden wirtschaftlich prosperierenden südlichen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern. Sowohl in der Einzelbenotung der Kreise  als auch in der Landeswertung nehmen sie die Spitzenplätze ein. Beide Länder weisen in den Bereichen Demografie und Wirtschaft gute Voraussetzungen für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung auf. Baden-Württemberg steht insgesamt am besten da. Hier ist die Bevölkerung jünger als in Bayern, Kaufkraft und Bruttoinlandsprodukt liegen höher, der Bildungsstand ist besser und die Kreise weniger verschuldet. Die Menschen im „Ländle“ machen ihrem Ruf als ordentliche und fleißige Schwaben alle Ehre. Nur Kinder bekommen auch sie zu wenig. Diesen Mangel können sie zukünftig nur durch Zuwanderungen ausgleichen.
Bessere Bildungschancen als die Bayern erzielen auch die Hessen und Nordrhein-Westfalen. Der Grund dafür ist in den Großregionen von Frankfurt, Düsseldorf, Köln und Bonn zu finden. Hier leben, anders als im weitgehend ländlichen Bayern, viele Hochqualifizierte, die in den Dienstleistungbranchen arbeiten.

Speckgürtel der Städte legen weiter zu
Im unteren Teil der Bewertungsskala, mit Noten schlechter als vier, finden sich alle östlichen Länder, inklusive Berlin, sowie die kleineren Bundesländer Saarland, Hamburg und Bremen. Der Osten leidet unter Abwanderung, Überalterung und schlechter wirtschaftlicher Entwicklung. Die Zukunftsaussichten sind dort durchweg düsterer als in den Südländern. Die Stadtstaaten Hamburg und Bremen schneiden deshalb so schlecht ab, weil sie nur aus einem beziehungsweise zwei Kreisen bestehen. Sie können unzureichende Noten nicht durch bessere andere Kreise kompensieren. Zu Bremen gehört zudem mit Bremerhaven der schlechteste Kreise des Westens. Große Städte verlieren fast bundesweit Menschen und damit Steuerkraft ins benachbarte Umland. Sie sind eher Wirtschafts- als Wohnstandorte. Vor allem junge Familien wandern dort ab – und mit ihnen die demografische Zukunftsfähigkeit.
Wo heute zu wenig Jobs vorhanden sind und schlechte Verdienstmöglichkeiten bestehen, wandern – mit Verzögerung – auch Menschen ab. Fatal wird es dabei für Regionen, in denen eine Standort-Verschlechterung zu weiterer Abwanderung führt und sich die Lage an allen Fronten verschärft. Diesen Gebieten droht durch immer weitere Abwanderung und Überalterung irgendwann der Verlust von überlebenswichtiger Infrastruktur. Ihnen bleibt nach Einschätzung des Berlin- Institutes nur der kontrollierte Rückbau.

Demografie-Primus Eichstätt
Von den 40 zukunftsfähigsten Kreisen liegen 23 in Bayern, 14 in Baden-Württemberg und jeweils einer in Hessen, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Von den 40 Kreisen mit den größten Zukunftsproblemen finden sich acht in Sachsen-Anhalt, acht in Sachsen und sechs in Nordrhein-Westfalen. Bei letzteren handelt es sich ausnahmslos um Städte des Rührgebiets. Mit Ausnahme Baden-Württembergs haben alle Bundesländer ihre demografischen Problemzonen.
Die Gesamtnoten der Studie reichen von 2,64 für Eichstätt vor den Toren Ingolstadts bis 4,95 für Bremerhaven und das thüringische Altenburger Land.
Die komplette Studie „Deutschland 2020 – Die demografische Zukunft der Nation“ im Internet unter http://www.berlin-institut.org/
 

Quelle: Allgemeine Immobilien Zeitung Ausgabe Juli 2005