Immobilienverband IVD

Trägheit auf der Sonnenseite

Die große Gefahr für viele ist: Es geht ihnen einfach zu gut. Nicht unmöglich, dass Branchenvertreter deshalb ihre eigene Innovationskraft hintenanstellen. Denn die kommt meistens erst in schweren Zeiten zum Vorschein, meint IVD-Präsident Jürgen Michael Schick im Interview mit Dirk Labusch, Chefredakteur des Magazins Immobilienwirtschaft (Ausgabe 06.2017).

 

Herr Schick, ist Ihnen um Ihre Branche bange?
Keineswegs. Ich glaube, dass sie eine ganz hohe Innovationskraft hat. Die sie auch wieder unter Beweis stellen muss, weil wir uns mit zwei Herausforderungen zu befassen haben:  Erstens mit den Umbrüchen im Rahmen der Digitalisierung und zweitens mit den Umbrüchen und Einflüssen, die wir auf gesetzgeberischem Weg möglicherweise zu befürchten haben. Dafür kann man sie nur fit machen. Unser Thema heißt Life long learning...

 

Kommen wir zur Digitalisierung: Nicht nur Geschäftsführer von bestimmten Startup-Unternehmen sprechen schon vom Aussterben der Makler…
Dass die Makler aussterben, halte ich für einen großen Irrtum. Digitalisierung ist ja nicht nur eine Gefahr, sie ist eben auch eine Chance. Die Chance wollen wir auf dem Deutschen Immobilientag des IVD behandeln. Und zwar nicht so feuilletonistisch wie das zumeist diskutiert wird, sondern wir werden das Thema runterbrechen und mittelständischen Unternehmen ganz konkrete Maßnahmen an die Hand geben, wie sie modular ihre Geschäftszweige im Alltag digitalisieren können. Dazu veröffentlichen wir unseren Digital Kompass.

 

Sehen Sie überhaupt keine Gefahr für den Makler?
Gefahr ist Digitalisierung ja nur für denjenigen, der sie nicht berücksichtigt.

 

Welcher Makler wird überleben?
Ich glaube noch nicht, dass wir im schieren Überlebenskampf sind. Aber diejenigen werden mit Sicherheit den größten Marktanteil haben, die sich den Veränderungen entsprechend widmen. Da kann man den Kollegen nur empfehlen, sich modular Geschäftszweig für Geschäftszweig die Dinge vorzuknöpfen und die wirklich auch im Alltag umzusetzen. Digitalisierung ist ja auch ein Segen, weil viele Dinge heute einfacher, stringenter und für den Kunden freundlicher gehen.

 

Ist das Digitalisierungs-Thema im Rahmen Ihrer Verbandsmitglieder ausreichend präsent? Umfragen deuten in eine andere Richtung.
Ich bin als Branchenmitglied durchaus selbstkritisch: Die große Gefahr für viele in der Branche ist, dass es ihnen einfach zu gut geht. Deswegen stellt man möglicherweise seine eigene Innovationskraft nach hinten. Meistens ist man ja erst dann innovativ, wenn es einem nicht so gut geht. Wichtig ist jetzt, gemeinsam den Schritt nach vorn zu machen in einer Marktphase, wo es fast allen außerordentlich gut geht. Und das wollen wir auf dem Deutschen Immobilientag tun.

 

Sie zielen mit dem Deutschen Immobilientag nicht nur auf die Chefs ab, sondern auch auf die Unternehmensmitarbeiter. Warum?
Wir werden unsere Arbeitsweise möglicherweise perspektivisch ändern müssen, und zwar recht kurzfristig. Vielleicht sogar schon morgen, während man sozusagen in voller Fahrt ist, weil die Auftragsbücher voll sind. Dazu gehört auch die perspektivische Kraft eines jeden Unternehmers. Es bringt uns wenig, wenn der Chef voller Tatendrang vom Kongress zurückkommt und die Mitarbeiter ihn gar nicht verstehen, weil sie ja auch ohne Digitalisierung so erfolgreich sind zurzeit. Deswegen ist die Teilnahme für das gesamte Team kostenfrei.

 

Kommen wir zur Politik. Nachdem alle so optimistisch waren, kommt das Thema Fachkundenachweis nun anscheinend doch nicht…
Ich habe ein neues Wort gelernt, das heißt dilatorisch. Das ist das lateinische Wort für verschleppend und verzögernd. Ganz augenscheinlich soll das Thema aus dieser Legislaturperiode hinausvertrödelt werden. Weil man es eben jetzt nicht mehr umsetzen will, obwohl es im Koalitionsvertrag steht.

 

Und wenn es so käme?
Dann ist noch kein Land unter, dann bleibt dieses Thema in der nächsten Legislaturperiode erhalten.

 

Sehen Sie diesen Aufschub als Rückschlag?
Nein, es ist für uns ein Riesenerfolg, dass das Thema überhaupt im Koalitionsvertrag drinsteht, dass es überhaupt in den Ausschüssen des Bundestages behandelt wird.

 

Die Verbände haben also nicht versagt?
Nein. Ich glaube, dass wir in der Meinungsbildung einen Riesenschritt vorangegangen sind. Der IVD und seine Vorgängerverbände RDM und VDM fordern den Sachkundenachweis ja nun seit mehr als 90 Jahren. Als Verbandsmann darf man kein Kurzstreckenläufer sein. Mein Hobby ist Marathonlauf. Das ist hier ist wirklich einer ...

 

Wie sieht es denn aus mit Ihrem anderen großen Steckenpferd, der Vertrauensschadensversicherung? Da hat sich auch noch nichts bewegt, oder?
Der Gesetzgeber wird die Vertrauensschadensversicherung nicht als Mindestvoraussetzung für Verwalter vorsehen. Sie ist ja quasi der Schutz von den Treuhandgeldern. Man wird sehen, ob zumindest die Vermögensschadensversicherung in ein Gesetz einfließt.

 

Stärkt das nicht die Verbände?
Möglicherweise. Wer sichergehen will, dass seine Treuhandgelder wirklich geschützt sind vor Missbrauch, der muss halt darauf achten, bei einem IVD-Mitglied zu sein. Denn nur wir haben eine Vertrauensschadenversicherung für alle Mitglieder abgeschlossen.

 

Gibt es Ziele, bei denen Sie im letzten Jahr weitergekommen sind?
Ein Riesenerfolg für uns ist, dass jetzt alle Parteien in Deutschland über das Thema Wohneigentumsbildung sprechen. Auch haben wir eine sehr gute Meinungsbildung bei der Wohnimmobilienkreditrichtlinie erreicht. Inzwischen ist klargeworden, dass das übereifrige deutsche Umsetzen der Finanzierungsrahmenbedingungen - deutlich strenger als überall sonst in Europa - nicht sachgemäß war. Ein Erfolg ist auch, dass die Oberregulierer in der Großen Koalition die Mietpreisbremse nicht gleich ein zweites Mal verschärft haben. Schließlich sehe ich es auch als Erfolg an, dass es uns bisher gelungen ist, allen Versuchungen zu widerstehen, auch den Neubau zu regulieren. Das alles hätte das Investitionsklima in Deutschland nachhaltig geschädigt.

 

Was versprechen Sie sich jetzt von der Bundestagswahl?
Mein Wunsch wäre, dass wir ideologiefrei über die Bedürfnisse unserer Wohnungsmärkte sprechen und dass die neue Bundesregierung nicht nur Mieterschutzpolitik, sondern eine sachgerechte Immobilienpolitik macht und diese nach den Bedürfnissen von Mietern und Vermietern ausrichtet.

 

Befürchten Sie, dass das Bestellerprinzip ausgeweitet wird?
Dass die Bundesregierung am Anfang dieser Legislaturperiode Bestellerprinzip und Mietpreisbremse eingeführt hat, war in der überhitzten Wohnimmobiliendiskussion in den Augen von Union und SPD vonnöten. Jetzt sollten aber keine weiteren Regulierungen kommen, sondern jetzt müssen wir Maß und Mitte halten, damit die Investitionsbereitschaft in den Wohnungsneubau nicht nachlässt. Wenn überzogene Forderungen dazu führen, dass in den Bestand nicht weiter investiert wird oder Investitionen in den Wohnungsneubau unterbleiben, dann sind ja vor allem die Mieter diejenigen, die die Zeche zahlen…

 

Liegen die Prioritäten bei der Wohnungspolitik zurzeit nicht zu stark im Ausbau von Sozialwohnungen?
Die Fokussierung auf bezahlbares Wohneigentum und bezahlbaren Mietwohnungsbestand ist schon essentiell. Bei diesem Thema sollte man aber nicht alle Fehler der Vergangenheit wiederholen, insbesondere die Fehlbelegung großer Teile der Bestände, bis hin zum Bau seelenloser Neubaubestände, in denen keiner wohnen will.

 

Was erwarten Sie vom Deutschen Immobilientag?
Wir wollen keine Sonntagsreden aneinanderreihen, sondern zwei hochintensive Tage veranstalten. Ziel ist es, als bessere Unternehmer nach Hause zu gehen.

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