Immobilienverband IVD

Nr. 7964/15 verabschiedet sich

Von Susanne Rüster

©marcogarrincha - shutterstock.com

Das Haus war alt und lag in einem großen, verwilderten Garten. Kurz bevor die verborgene Tür sich öffnete und ihr Geheimnis preisgab, schreckte ich aus meinem Traum hoch. Es knallte. 4:17 Uhr. Der Klodeckel meines Obermieters flog gegen die Kacheln, jetzt gurgelte die Kaffeemaschine, jetzt sprangen die Brote aus dem Toaster. Ich zog die Decke über die Ohren und wünschte mir, ins abgelegene Traum-Haus zu ziehen, das über natürlichen Schallschutz verfügte. 

Gestatten, dass ich mich vorstelle: Miriam Kraefft, 33 Jahre,

Langzeitarbeitslose nach den Kriterien der Bundesagentur für Arbeit, die mich Nr. 7964/15 nennt, soziokulturelles Studium, gescheiterte Ehe mit einem nach Mutters Kriterien guten Mann (hat Arbeit, kein Alkoholiker, kein notorischer Fremdgänger), gescheiterter Versuch in der Selbstständigkeit, denn die BA wollte für meine biographischen Workshops mit Bezügen zur gesamtgesellschaftlichen Geschichte mangels Tragfähigkeit der geplanten Existenzgründung keinen Zuschuss geben. Immerhin hat sich wegen der vielen freien Zeit der Kontakt zu meiner Freundin Ute intensiviert, die einen echten Banditen von Mann hat und sich öfter mit geschwollener Wange und blauem Auge ausweinen kommt.

Ich verfiel nochmal in flachen Schlaf, nachdem der Obermieter endlich seine Siebensachen beisammen, seine Tür sorgfältig ab-, auf- und wieder abgeschlossen hatte als seien Wohnungen im unrenovierten Siebzigerjahre-Plattenbau Safes mit kostbarem Inhalt. Das Geisterhaus meiner Träume hatte plötzlich Ähnlichkeit mit Utes Haus, das sie sich gar nicht mehr leisten konnte, nachdem ihr Ehemann ’ne Biege gemacht hatte und auch ihr Arbeitsplatz plötzlich weg war, outgesourced nach Polen.

Das Haus verkaufen! Beim Tee erläuterte ich Ute die aktuellen Bodenrichtwerte. Grün und weit ist hier der Blick aus dem Fenster, aber nicht mehr lange, denn von allen Seiten werden Pflöcke in die Landschaft gerammt. Wohnungen müssen her. Da lag schon ein Haufen Visitenkarten von Maklern und ein unfreundliches Schreiben der finanzierenden Bank, die die Zwangsversteigerung androhte.

„Aber das da ist echt gruselig“, sagte Ute mit kieksender Stimme. Ein Papier, darauf in ungelenken Druckbuchstaben: SIE SOLTEN VERSCHWINDEN! SONST WIRD VERDAMT HEISS!

„Zeig das an. Da droht wer mit ‘nem warmen Abriss.“

„Ha, unbekannter Brandstifter, oder was?“

„Verkauf‘ das Haus! Ehe die Bank zuschlägt. Hier passen noch zwanzig Wohnungen drauf.“

Ute schüttelte den Kopf und sah verzweifelt aus.

„Mit dem Geld könntest du dir die Ausbildung zur Heilpraktikerin leisten.“ Das war Utes sehnlichster Wunsch, aber die kontraproduktive BA meint, wegen der vielen Heilpraktiker in ihrer Arbeitslosen-Kartei sei auch das nicht tragfähig. Ute begann zu weinen.

Derweil entwickelte ich meine geniale Geschäftsidee. Der Makler, der dieses Riesengrundstück mit dem verwunschenen Haus verkauft, verdient ’ne Menge Geld. Hatten wir was zu verschenken? Eben!

„Geht nicht“, stammelte Ute unter Tränen.

„Wieso? Du hast es doch geerbt. Oder hat dir Horst das Haus abgeluchst?“

„Kann er nicht mehr.“

Auf meinen ungeduldigen Blick flüsterte Ute etwas und ihre Kinnlade zitterte so, dass ich sie nicht verstand. Nur eins verstand ich: Wie Ute jetzt aussah, lauerte da echter Ärger.

Sie stand auf, ging mit hängenden Schultern und im Nachstellschritt die Kellertreppe herunter, wobei sie ein tremolierendes „ah-ah“ von sich gab. Wir standen vor einer frisch verputzten Wand und die „Ah’s“ steigerten sich zum Crescendo.

„Was soll das denn jetzt?“

Ute antwortete nicht, sondern begann zu schreien. Fast wollte ich sie mit dem Rettungswagen wegen Dekompensation in die Notaufnahme bringen lassen, aber ich versuchte es mit einer Ohrfeige, die sich bestimmt mit denen von Horst messen konnte. Tat mir leid, aber sie hörte tatsächlich auf zu schreien und starrte mich verstört an.

„Er wollte das Grundstück“, wimmerte sie, „hat mich an den Haaren gerissen, mit der Faust geschlagen und da hab ich ihn getreten. Er war total überrascht und dann ist er nach hinten gestolpert …“

„Er ist mit dem Kopf zuerst die Kellertreppe runter?“

„Ah-ah.“

Mein Gehirn arbeitete. Ob die Bullen Ute das mit der Notwehr glauben würden? Bestimmt würden seine Kumpels aussagen, dass die Ute eine ganz Habsüchtige ist und ihren armen Mann getreten hat, damit er ihr das Haus lässt. Ute hatte ihre blauen Augen ja auch nie angezeigt, und vielleicht war Horst ein unbeschriebenes Blatt im Register.

„Wo ist Horst denn jetzt?“

„Nein-nein-nein.“

„Los, mach‘ schon.“

Ute war derweil auf den Boden gesackt und deutete mit gesenktem Kopf auf die frisch verputzte Wand. Ich begann zu ahnen.

„Kann nicht verkaufen“, stammelte Ute. „Was ist, wenn der Käufer die Wände rausreißt und hier ’ne Sauna einbaut?“

„Du kannst nicht ewig mit ‘ner Leiche im Haus leben.“

Ich will’s kurz machen. Ich überzeugte Ute, dass Horst weg musste. Aber wohin? Ein Auto, um ihn zu einem abgelegenen Gelände zu fahren, hatten wir nicht. Horst in eine blaue Tüte tun und bei der Stadtreinigung entsorgen? Zu auffällig. Endlich hatte ich ’ne Idee.

„Hol dein Weihnachtszeug raus, alles, was du hast, Hauptsache es glitzert.“

Es ist ein würdiger Umzug geworden. Ute kennt einen Laubenpiper, der ihr seinen Pick-up geborgt hat. Während sie die Ladefläche mit batteriebetriebenen Sternen, Kometen und einem Engel aus Pappmaschee und Glitzer geschmückt hat, bin ich mit dem unangenehmen Teil beschäftigt. Tief Luft holen, Pressluftbohrer ansetzen, und … „ah-ah“ …

Einzementierte Leichen vermodern nicht so schnell. Ich stelle mir vor, ich würde in Ägypten einen Pharao ausgraben, zum Nutzen der Wissenschaft, aber der Anblick toter Augen mit einer mumifizierten Fliege drauf ist schon hart. Zum Glück steckte Horstens eingedrückte, mit Zementstaub bedeckte Leiche in Klamotten.

Wir nutzen die Finsternis für unser Vorhaben. Einige nächtliche Passanten denken wahrscheinlich, da kommen zwei verrückte Weiber von ‘ner Weihnachtsfeier, aber niemand ruft die Polizei. Ute besteht darauf, Horst nicht im Wald zu vergraben, sondern auf einem Friedhof. Ich halte das für überflüssig, füge mich aber. Horst ruht jetzt - wie wir sehr hoffen - ungestört unter den Gedenktafeln eines alten Familiengrabs, das schon lange niemand mehr besucht.

Tschüs Nr. 7964/15 der Bundesagentur für Arbeit!

Ich habe meine erste Maklerprovision verdient!!

Und die Bodenrichtwerte steigen!!!

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susanne-rc3bcster-sw66Susanne M. Rüster arbeitet als Richterin in Potsdam. Weil sie literarische Fremdgänge liebt, entstanden etliche in Zeitschriften und Anthologien veröffentlichte, teils preisgekrönte Kriminalgeschichten. In ihrem aktuellen Kriminalroman "Abgedreht" wirft sie einen Blick hinter die glitzernden Kulissen der Filmwelt. Susanne M. Rüster ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern« und des »Syndikat«. Sie lebt mit Mann und Tochter in Berlin.

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