Warum entscheiden sich immer weniger junge Menschen für den Weg in die Selbstständigkeit? Und was müsste sich ändern, damit Unternehmertum in Deutschland wieder attraktiver wird? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Thomas Hoppe und Sebastian Bluhm in ihrem gerade erschienenen Buch MAKE! in Germany. Hoppe ist Bundesvorsitzender von DIE JUNGEN UNTERNEHMER, dem Verband junger Familien- und Eigentümerunternehmer in Deutschland. Die unternehmerische Praxis kennt er aus eigener Erfahrung. Schon früh gründete er mehrere Unternehmen. Mit der Schülerkarriere GmbH bringt er bundesweit Schüler und Arbeitgeber zusammen. Daneben betreibt er Büro- und Coworkingflächen und beteiligt sich an Start-ups. Im Gespräch mit dem AIZ-Immobilienmagazin spricht er über die Voraussetzungen für mehr Unternehmergeist in Deutschland. Hoppe sieht Politik, Schulen und Unternehmer gleichermaßen in der Pflicht.
Das Gespräch führte Stephen Paul
AIZ-Immobilienmagazin: Für Ihr neues Buch haben Sie mit zahlreichen Unternehmern gesprochen und erleben auch im Verband täglich, welche Themen den Mittelstand bewegen. Mit welchem Gefühl blicken Unternehmer derzeit auf den Standort Deutschland?
Thomas Hoppe: Unternehmer wünschen sich vor allem, wieder unternehmerisch arbeiten zu können. Stattdessen verbringen sie immer mehr Zeit mit Dokumentationspflichten, Nachweisen und neuen gesetzlichen Vorgaben. Das bindet Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Gerade Gründer sollten deshalb in den ersten Jahren deutlich stärker entlastet werden. Wer ein Unternehmen aufbaut, muss sich zunächst um seine Kunden, Mitarbeiter und Produkte kümmern können und nicht um immer neue Berichtspflichten.
Bürokratieabbau wird seit Jahren angekündigt. Warum kommt Deutschland aus Ihrer Sicht trotzdem kaum voran?
Weil wir häufig neue Regeln schaffen, anstatt bestehende konsequent zu überprüfen. Wir müssten uns viel öfter fragen, welche Vorschriften tatsächlich notwendig sind und welche wir ersatzlos streichen können. Ich habe vor Kurzem mit dem Inhaber einer Gießerei gesprochen. Er sagte mir einen Satz, der mich sehr beschäftigt hat: Das Grundstück seines Unternehmens sei inzwischen mehr wert als der Betrieb selbst. Die Energiepreise hätten die wirtschaftlichen Grundlagen so stark verändert, dass Produktion in Deutschland kaum noch wirtschaftlich sei. Solche Gespräche zeigen, wie ernst die Lage für viele mittelständische Unternehmen geworden ist.
Gleichzeitig erleben wir einen enormen technologischen Wandel. Viele Immobilienunternehmen beschäftigen sich intensiv mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Deutschland verfügt über große Innovationskraft. Gerade Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eröffnen enorme Chancen. Umso wichtiger ist es, neue Technologien nicht von Anfang an mit immer neuen Vorschriften zu überziehen. Wenn Unternehmen Künstliche Intelligenz einsetzen, ohne dass personenbezogene Daten betroffen sind, sollte der Staat zunächst ermöglichen statt regulieren. Im internationalen Wettbewerb können wir es uns nicht leisten, Innovationen auszubremsen.
Was erwarten Sie sich stattdessen von der Politik?
Politik sollte Unternehmer häufiger fragen, welche Rahmenbedingungen sie brauchen, um investieren, Arbeitsplätze schaffen und wachsen zu können. Denn eines ist klar: Ohne eine starke Wirtschaft wird es auch langfristig keinen starken Sozialstaat geben.
In Ihrem Buch MAKE! in Germany werben Sie für mehr unternehmerischen Mut und für bessere Rahmenbedingungen für Gründer. War für Sie eigentlich immer klar, dass Sie selbst einmal Unternehmer werden wollten?
Nein. Ich habe zunächst ein duales Studium absolviert und dabei gemerkt, dass ich zwar gerne Verantwortung übernehme, mich aber nur schwer mit festen Strukturen arrangieren kann. Ich wollte eigene Entscheidungen treffen, Dinge entwickeln und Probleme lösen. Das waren letztlich die Gründe, warum ich mich selbstständig gemacht habe.
Was hat Sie daran besonders gereizt?
Die Freiheit, gestalten zu können. Als Unternehmer entscheide ich mit meinem Team, wohin sich ein Unternehmen entwickelt, welche Produkte entstehen und welche Ideen wir verfolgen. Diese Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und etwas Eigenes aufzubauen, hat mich immer motiviert.
Viele junge Menschen verbinden Selbstständigkeit heute vor allem mit Unsicherheit und Risiko.
Natürlich gehört Risiko dazu. Aber gerade deshalb würde ich jungen Menschen empfehlen, möglichst früh unternehmerische Erfahrungen zu sammeln. Wer direkt nach der Ausbildung oder aus dem Studium heraus gründet, hat häufig noch keine Familie zu versorgen oder hohe finanzielle Verpflichtungen. Die Fallhöhe ist geringer als später im Leben. Ich habe in diesen Jahren unglaublich viel gelernt. Dabei habe ich vor allem gelernt, dass Fehler zum Unternehmertum dazugehören.
Haben wir heute eine bessere Fehlerkultur?
In Deutschland fällt der Umgang mit Fehlern immer noch schwer. Schon in der Schule lernen wir, dass Fehler möglichst vermieden werden sollen. Dabei habe ich persönlich aus meinen Fehlern am meisten gelernt. Meine erste Firma habe ich nach einem Jahr wieder eingestellt. Ich hatte vieles falsch gemacht. Aber genau diese Erfahrungen haben mir geholfen, die nächsten Unternehmen erfolgreicher aufzubauen. Heute führe ich mehrere Unternehmen. Jede weitere Gründung ist mir leichter gefallen, weil ich aus den ersten Erfahrungen gelernt habe.
Das heißt: Scheitern ist für Sie kein Makel?
Scheitern gehört dazu, solange man daraus lernt. Deshalb engagiere ich mich heute auch als Business Angel. Natürlich investiere ich Kapital. Noch wichtiger ist aber, dass ich meine Erfahrungen weitergeben kann. Ich habe selbst erlebt, wie schnell Geld aufgebraucht sein kann. Bei meiner ersten Gründung hatte ich rund 15.000 Euro investiert. Nach wenigen Monaten war das Geld nahezu verbraucht. Ich musste fast alle Mitarbeiter entlassen und zunächst nur noch mit einem Praktikanten weitermachen. Das war eine schwierige Zeit. Gerade sie hat mich geprägt. Heute versuche ich, diese Erfahrungen an junge Gründer weiterzugeben.
Was geben Sie jungen Gründern als Business Angel mit?
Netzwerk, Erfahrung und ehrliches Feedback sind häufig wertvoller als zusätzliches Kapital. Kapital hilft. Erfahrung entscheidet oft mehr.
Woran liegt das?
Sicherheit und Planbarkeit spielen in einer langanhaltenden Phase wirtschaftlicher Krisen und politischer Unsicherheit eine wichtige Rolle. Die Corona-Zeit hat diesen Trend verstärkt. Junge Menschen haben damals erlebt, wie unterschiedlich einzelne Berufsgruppen von politischen Entscheidungen betroffen waren. Umso wichtiger ist es, Unternehmertum wieder positiv sichtbar zu machen. Deshalb engagieren wir uns als Verband sehr stark für die unternehmerische Bildung.
Wie sieht das konkret aus?
Es gibt inzwischen viele gute Initiativen. Startup Teens ist ein Beispiel. Auch unser Verband bringt mit dem Format „Kinder im Chefsessel“ junge Menschen früh mit Unternehmertum in Berührung. Wir arbeiten außerdem mit den Nachfolgern aus Familienunternehmen und mit unseren Junioren im Alter von 16 bis 22 Jahren. Wir wollen ihnen zeigen, was Unternehmertum bedeutet: Verantwortung zu übernehmen und eigene Ideen umzusetzen.
Trotzdem kommen wirtschaftliche Zusammenhänge in Schule und Studium oft noch zu kurz.
Es hat sich durchaus etwas verbessert. Viele Hochschulen verfügen inzwischen über Gründerzentren, bieten Seminare an und unterstützen Studierende bei den ersten Schritten in die Selbstständigkeit. Auch Förderprogramme und Business Angels sind heute deutlich leichter zugänglich als noch vor einigen Jahren. Die eigentliche Herausforderung beginnt aber häufig erst danach. Viele Unternehmen scheitern in den ersten Jahren. Oft fehlt es an Erfahrung oder daran, rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren.
Sie haben einmal gesagt: „Gute Kitas statt kostenloser Hörsäle.“ Warum?
Mir geht es um Prioritäten. Wenn wir junge Familien entlasten wollen, sollten wir vor allem dort investieren, wo Eltern unmittelbar Unterstützung brauchen. Gute Kinderbetreuung erleichtert beiden Elternteilen den Wiedereinstieg in den Beruf und stärkt damit auch unsere Wirtschaft. Ich halte es deshalb nicht für problematisch, wenn Studenten später einen überschaubaren eigenen Beitrag zu ihrem Studium leisten. Eine gute Bildung darf aus meiner Sicht durchaus etwas kosten. Ich selbst habe dual studiert, gearbeitet und nebenbei meinen Abschluss gemacht. Ich hatte 20 Urlaubstage und keine Semesterferien. Das hat mich früh gelehrt, Verantwortung zu übernehmen.
„Nicht jeder muss gründen. Man kann auch ein Unternehmen erfolgreich weiterführen.“
Sie sprechen häufig von Generationengerechtigkeit. Was meinen Sie damit?
Viele junge Menschen würden gern Eigentum erwerben. Gleichzeitig erleben sie hohe Steuern und Sozialabgaben, steigende Lebenshaltungskosten und eine große Unsicherheit. Das macht langfristige Entscheidungen schwieriger. Hinzu kommt, dass wir hervorragend ausgebildete junge Menschen verlieren. Viele denken darüber nach, nach Ausbildung oder Studium ins Ausland zu gehen, weil sie dort bessere Perspektiven sehen.
Trotzdem sagen Sie: Der Staat allein kann dieses Problem nicht lösen.
Natürlich brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Aber wir müssen den Menschen auch vermitteln, wie Vermögensaufbau funktioniert. Wer sich früh mit Geldanlage, Sparen und Eigentum beschäftigt, schafft sich langfristig größere finanzielle Freiräume.
Ein weiteres Thema, das viele inhabergeführte Immobilienunternehmen beschäftigt, ist die Unternehmensnachfolge. Sie werben dafür, den Blick nicht nur auf Neugründungen zu richten.
In den kommenden Jahren müssen hunderttausende Unternehmen übergeben werden. Das ist eine große Herausforderung, aber zugleich eine enorme Chance. Viele Unternehmer haben ihre Firma über Jahrzehnte aufgebaut. Ihre Kinder haben allerdings oft erlebt, wie viel Arbeit und persönliche Belastung damit verbunden waren. Das schreckt manche ab.
Hat sich das Bild vom Unternehmertum verändert?
Ja, früher war der Unternehmer häufig derjenige, der 70 Stunden in der Woche gearbeitet und sich um alles selbst gekümmert hat. Ich glaube, Unternehmertum kann heute anders aussehen. Ich führe mehrere Unternehmen und konzentriere mich bewusst auf die strategische Entwicklung. Als wir unseren Standort in Hamburg aufgebaut haben, habe ich die Richtung vorgegeben, Standorte geprüft und Verträge vorbereitet. Ich muss aber nicht jede operative Aufgabe selbst übernehmen. Unternehmer zu sein heißt für mich, Verantwortung zu tragen und die Entwicklung eines Unternehmens zu gestalten.
Welche Chancen eröffnet das Menschen ohne Unternehmerfamilie?
Nicht jeder muss gründen. Wer unternehmerisch denkt, kann auch ein bestehendes Unternehmen übernehmen und erfolgreich weiterentwickeln. Gerade darin liegt aus meiner Sicht eine große Chance für die kommenden Jahre.
„Nur zu klagen, bringt unser Land nicht weiter.“
Sie engagieren sich ehrenamtlich für die Interessen junger Unternehmer. Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, neben dem eigenen Unternehmen auch Verantwortung für den Berufsstand zu übernehmen?
Ich komme mit vielen Unternehmern zusammen und lerne dadurch ständig dazu. Und nur zu klagen, bringt unser Land nicht weiter. Wer etwas verändern will, muss sich auch selbst einbringen. Gerade die wirtschaftliche Bildung liegt mir dabei besonders am Herzen. Wenn junge Menschen früher verstehen, wie Unternehmen entstehen, wie Verantwortung übernommen wird und wie Vermögen aufgebaut werden kann, gewinnen wir langfristig mehr Menschen, die Verantwortung übernehmen und unternehmerisch denken.
AIZ-Leseempfehlung
Mit MAKE! in Germany legen die Unternehmer und Autoren Thomas Hoppe und Sebastian Bluhm ein Plädoyer für mehr Unternehmergeist in Deutschland vor. Im Mittelpunkt stehen sieben Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen des Mittelstands: Anne-Marie Großmann, Dina Reit, Johanna Heise, Marie-Christine Ostermann, Miriam Wohlfarth, Ruben Stelzner und Annika von Mutius. Ihre Erfahrungen zeigen, wie Unternehmer Verantwortung übernehmen, Rückschläge bewältigen und ihre Unternehmen unter schwierigen Rahmenbedingungen weiterentwickeln.
Die Autoren verbinden diese Porträts mit einer Analyse des Wirtschaftsstandorts und konkreten Vorschlägen für bessere Bedingungen für Unternehmer und Gründer. Ein Vorwort von Sigmar Gabriel ordnet die Bedeutung des Mittelstands für Wirtschaft und Gesellschaft ein.
Thomas Hoppe und Sebastian Bluhm: MAKE! in Germany. Wie Mut, Macher und Mittelstand unser Land neu erfinden können. Mit einem Vorwort von Professor Sigmar Gabriel. ForwardVerlag, 2026. 232 Seiten, Paperback, 20 Euro. ISBN 978-3-98755-210-6.
Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten unter make-in-germany.com sowie im Buchhandel.
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