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Nicola Beer ist seit Januar 2024 Vizepräsidentin der Europäische Investitionsbank (EIB) und befasst sich dort mit der Finanzierung von Wohnungsbau, Sanierung und nachhaltiger Stadtentwicklung in Europa. Zuvor war sie viele Jahre deutsche Abgeordnete im Europäischen Parlament und unter anderem dessen Vizepräsidentin. Im Dialog mit dem AIZ-Immobilienmagazin erläutert sie, wie europäische Förderinstrumente mittelständischen Unternehmen und Kommunen Investitionen in Wohnraum ermöglichen.

AIZ-Immobilienmagazin: Sie arbeiten für die Europäische Investitionsbank in Luxemburg, im Herzen Europas und an der Schnittstelle zwischen Deutschland und Frankreich. Beginnt Ihr Arbeitstag eher mit Brötchen oder mit Croissant?

Nicola Beer: Weder noch (lacht). Mein Arbeitstag beginnt meistens mit frischem Obst und Joghurt. Das gibt mir die richtige Energie, um mich auf die vielfältigen Themen zu konzentrieren, die ich mit Kolleginnen und Kollegen der EIB Gruppe sowie mit externen Partnern bespreche.

Sie waren viele Jahre eine führende liberale Politikerin … Was aus Ihrer politischen Erfahrung prägt Ihre heutige Arbeit bei der EIB besonders?

Aus meiner politischen Arbeit ist vor allem eines geblieben: der Blick dafür, wie Regeln, Verfahren und Mehrheitsbildungen in Brüssel, den Hauptstädten und den Regionen wirklich funktionieren – und wie entscheidend Planungssicherheit für Investitionen ist.

In der EIB hilft diese Erfahrung, wirtschaftliche Realität und politische Ziele zusammenzubringen, also EU-Ziele, nationale Wohnungsbauprogramme und die sehr konkreten Bedürfnisse von Städten, Wohnungsunternehmen und Mittelstand in tragfähige Finanzierungen zu übersetzen.

Der europäische Green Deal steht derzeit auf dem Prüfstand … welche Rolle spielen Planungssicherheit und Regulierung dabei für Investitionsentscheidungen der EIB im Bau- und Immobiliensektor?

Der Green Deal wird nicht abgeschafft, sondern nachgeschärft: Im Zentrum steht die Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit, soziale Verträglichkeit und Klimaschutz besser austariert werden können.

Für eine Investitionsbank wie die EIB ist entscheidend, dass Übergangsfristen, technische Standards und Förderrahmen verlässlich und nachvollziehbar sind – nur dann lassen sich große Renovierungs- und Neubauprogramme über 20 bis 30 Jahre solide finanzieren.

Mit unserem neuen Aktionsplan für bezahlbares und nachhaltiges Wohnen und der deutlichen Ausweitung des Finanzierungsvolumens stärken wir genau diese Langfristperspektive. Das macht es attraktiv für Investoren.

Die Europäische Union engagiert sich stärker im Wohnungsbau … welche Rolle übernimmt die EIB im Zusammenspiel mit EU-Kommission und Mitgliedstaaten?

In der Tat, mit dem Europäischen Affordable Housing Plan rückt Wohnraum politisch viel stärker ins Zentrum – und die EIB-Gruppe ist der zentrale Finanzierungspartner, um diesen Plan mit Leben zu füllen.

Im vergangenen Jahr hat die EIB ihr Engagement im Wohnungsbereich auf ein Rekordniveau gesteigert – mit mehr als fünf Milliarden Euro für Innovation, Sanierung und Neubau von Wohnungen, was einem Anstieg von knapp 50 Prozent im Vergleich zu 2024 entspricht.

Und dieses Jahr wollen wir das Volumen auf bis zu 6 Milliarden Euro erhöhen.

In Deutschland profitieren davon Städte wie Regensburg, wo unsere 80 Millionen Euro Finanzierung, ein Investitionsprogramm von insgesamt rund 175 Millionen Euro anstößt.

Dadurch entstehen zusätzliche soziale und bezahlbare Wohnungen, bestehende Quartiere werden modernisiert und die Energieeffizienz der Gebäude erheblich verbessert, was langfristig zu niedrigeren Heizkosten und stabilen, fairen Mieten beiträgt. Gleichzeitig unterstützt das Programm die Klimaziele der Stadt Regensburg und der Europäischen Union.

Europäische Mittel werden oft zunächst über Staaten oder große Programme vergeben. Gibt es aus Sicht der EIB auch Wege, über die private Bauträger, Bauherren oder mittelständische Wohnungsunternehmen erreicht werden – und wie kommt das Kapital praktisch im Markt an?

Ein großer Teil der europäischen Mittel läuft tatsächlich zunächst über Staaten, Städte oder Förderbanken – am Ende müssen aber Bauträger, Projektentwickler und mittelständische Wohnungsunternehmen spürbar profitieren.

Deshalb setzen wir in Deutschland verstärkt auf Partnerschaften mit kommunalen und landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, mit nationalen Förderbanken wie der KfW und mit Geschäftsbanken, die EIB-Kapital über Programme, Kreditlinien oder Garantien an den Markt weitergeben.

So haben wir in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren Wohnungsinvestitionen unter anderem in Berlin, Bremen, Stuttgart, Rostock, München und Hamburg bereitgestellt. Davon profitieren auch private Bauträger, mittelständische Wohnungsunternehmen sowie lokale Handwerks- und Baubetriebe, die die Projekte vor Ort umsetzen und so Aufträge, Beschäftigung und Wertschöpfung in der Region sichern.

Viele Bau- und Immobilienunternehmen arbeiten regional und ohne eigene Finanzierungsabteilungen. Wie können solche mittelständischen Unternehmen konkret von Angeboten der EIB profitieren?

Mit unserem neuen, vereinfachten Wohnungsfinanzierungsangebot „Housing TechEU“ haben Wohnungsunternehmen und ihrer Partner ganz konkrete Vorteile, indem sie über einen zentralen „One‑Stop‑Shop“-Kontaktpunkt alle Finanzierungsbedarfe bündeln können.

Dadurch lassen sich Investitionen in innovative Bauweisen – von modularen und industrialisierten Baukonzepten bis hin zu digitalen Planungs- und Smart‑Energy‑Lösungen – schneller strukturieren und zur Marktreife bringen. Gleichzeitig können umfassende Sanierungs- und Energieeffizienzprogramme effizienter aufgesetzt werden, um Betriebskosten zu senken und den Wohnkomfort deutlich zu steigern, während parallel der Neubau von bezahlbarem Wohnraum in größerem Umfang möglich wird.

Über nationale Förderbanken, städtische Wohnungsbaugesellschaften oder regionale Programme können auch mittelständische Player an Projekten teilhaben, die von der EIB mitfinanziert werden, etwa als Generalunternehmer, Konsortialpartner oder über Rahmenvereinbarungen.

In der europäischen Debatte steht häufig der Mietwohnungsbau im Vordergrund. Welche Bedeutung messen Sie der Förderung von Wohneigentum bei … und welche Förderinstrumente stehen hierfür zur Verfügung?

Der Schwerpunkt der EIB liegt klar auf bezahlbarem Mietwohnraum, weil hier der Hebel für soziale Durchmischung, nachhaltige Stadtentwicklung und die Bekämpfung von Wohnungsnot am größten ist. Gleichzeitig können über Kreditlinien, Garantien oder Programme mit Förderbanken auch Investitionen in selbstgenutztes Wohneigentum flankiert werden, wenn sie geltende Energieeffizienz- und Erschwinglichkeitskriterien erfüllen.

Wichtig ist, dass öffentliche Gelder nicht jede Form spekulativer Preisentwicklung subventionieren, sondern gezielt in bezahlbare und langfristig nutzbare Wohnungen fließen. Für private Eigentümer, die energieeffizient bauen oder umfassend sanieren, öffnen EU-Programme und EIB-Finanzierungen zunehmend Türen – etwa über kombinierte Zuschuss-Kredit-Modelle, die von nationalen oder regionalen Förderinstituten umgesetzt werden.

Immobilienmärkte stehen europaweit unter zunehmendem regulatorischem Druck … Reichen Fördermittel in einem stark regulierten Markt aus – oder gehört zu wirksamer Investitionsförderung immer auch eine maßvolle Regulierung?

Regulierung ist nicht per se der Gegner von Investitionen – sie ist der Rahmen, der Planbarkeit schafft. Problematisch wird es, wenn Anforderungen häufig wechseln, widersprüchlich sind oder ohne ausreichende Übergangsfristen eingeführt werden; dann verlieren Investoren Vertrauen und selbst gute Förderinstrumente wirken nur begrenzt.

Für die EIB ist deshalb entscheidend, dass Klimaziele und soziale Standards klar definiert, langfristig angelegt und mit Förderangeboten hinterlegt sind. Wo Regulierung maßvoll, umsetzbar und verlässlich ist, können EIB-Mittel gerade im stark regulierten Wohnungsmarkt helfen, Investitionen auszulösen, die sich ansonsten nicht rechnen würden.

Zum Abschluss: Worauf sollten regionale Immobilienunternehmer in den kommenden Jahren besonders achten, wenn sie die europäische Wohnungsbau- und Investitionspolitik verfolgen?

Erstens: darauf, wie sich der Europäische Affordable Housing Plan und die nationalen Umsetzungsprogramme entwickeln – hier werden in den nächsten Jahren wichtige Förderkriterien definiert.

Zweitens: auf neue Kooperationen zwischen Städten, Förderbanken und EIB, die als Blaupausen für kommunale und regionale Wohnungsbau- und Sanierungsinitiativen dienen können.

Und schließlich würde ich mittelständischen Unternehmen raten, die neuen europäischen Instrumente im Blick zu behalten – etwa die entstehende pan-europäische Investmentplattform und das EIB‑Housing‑Portal, die Finanzierung, Beratung und Best‑Practice‑Beispiele bündeln. Wenn es um Innovation geht, lohnt sich zudem ein Blick auf Programme wie unser „Housing TechEU“, das gezielt neue Bauverfahren, digitale Lösungen und energetische Sanierung unterstützt.  Viele europäische Ansätze funktionieren ohne starke regionale Partner nicht. Wer sich frühzeitig einbringt, stärkt seine Marktposition und erschließt zusätzliche Projekt- und Finanzierungsmöglichkeiten.

 

Veröffentlicht im AIZ-Immobilienmagazin, AIZ 02/ 2026

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