Arnt von Bodelschwingh schaut auf Wohnungsmärkte anders als viele Politiker: weniger aus der Vogelperspektive, stärker aus dem konkreten Wohnalltag heraus. Der geschäftsführende Gesellschafter des Berliner Forschungs- und Beratungsinstituts RegioKontext hat an der Studie zum Wohnungsbau-Tag 2026 mitgewirkt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage, warum der Wohnungsmarkt nicht nur zu wenig Wohnungen produziert, sondern auch im Bestand immer unbeweglicher wird. Im Dialog mit dem AIZ-Immobilienmagazin erklärt er, warum Deutschland mehr über tatsächliche Wohnsituationen wissen müsste und weshalb Makler und Verwalter wichtige Marktzeugen sind.
Das Gespräch führte Stephen Paul, AIZ-Chefredakteur
AIZ-Immobilienmagazin: Beim Wohnungsbau-Tag ging es um Neubau, Kosten und Politik. Sie setzen früher an: bei der Frage, warum Menschen in Wohnungen bleiben, die eigentlich nicht mehr zu ihrem Leben passen. Was erfährt man über den Wohnungsmarkt, wenn man so hinschaut?
Arnt von Bodelschwingh: Die Öffentlichkeit schaut vor allem auf den Bereich des Immobilien- und Wohnungsmarktes, in dem viel Dynamik spürbar wird: auf Preise bei neuen Mietverträgen, auf die Zahl der neu gebauten Wohnungen, auf die Konditionen für dieses Marktsegment und so weiter. Dieses eher agile Marktende ist aber nur teilweise aussagekräftig für das gesamte Marktgeschehen. Viel mehr Wohnungen befinden sich im Bestand, und sehr viele Wohnungen sind zurzeit gar nicht am Markt verfügbar. Die große Zahl laufender Mietverträge bleibt vielfach unsichtbar. Auch wir Datenanalysten können uns den dortigen Bedingungen nur mittelbar annähern.
Beim Wohnungsbau-Tag war viel vom „eingefrorenen Wohnungsmarkt“ die Rede. Was genau ist eingefroren?
Das Bild legt den Fokus auf den „unsichtbaren Riesen Bestand“. Es illustriert unseren Befund, dass im Wohnungsbestand derzeit immer weniger passiert. Aus unterschiedlichsten Gründen wird immer seltener umgezogen. Das hat mit der Spreizung zwischen Neuvertragsmieten und laufenden Bestandsmieten zu tun, aber auch mit Unsicherheiten über die künftige Kaufkraft und einem fehlenden Angebot im Nahraum. Im Ergebnis verliert der Wohnungsmarkt immer mehr die Fähigkeit, Wohnraum bedarfsgerecht zu verteilen.
Ist die Wohnungskrise also nicht nur ein Mengenproblem, sondern auch ein Beweglichkeitsproblem?
Exakt. Wenn es uns gelänge, das Umzugsgeschehen wieder in Gang zu bringen, hätten mehr Haushalte die Chance, eine besser passende Wohnung zu finden. Denn machen wir uns nichts vor: Die Pro-Kopf-Wohnfläche, die wir heute in Deutschland haben, ist rechnerisch eigentlich auskömmlich. Das Problem liegt auf einer anderen Ebene: Wir können bei Wohnungen nicht beliebig einen Quadratmeter abgeben oder hinzutun.
Warum ist es so wichtig, nicht nur über Bevölkerung, sondern über Haushalte zu sprechen?
Sie sprechen ein großes Dilemma an: Auf der analytischen Ebene haben wir es mit Köpfen und Quadratmetern zu tun. Auf der Handlungsebene, also am Markt, geht es hingegen um angebotene Wohnungen und nachfragende Haushalte. Hinzu kommt: Die Haushalte werden in Deutschland durchschnittlich immer kleiner. Das bedeutet, dass wir selbst bei stabiler Bevölkerung eine wachsende Zahl an Haushalten haben. Solange wir keine tiefgreifenden Schrumpfungseffekte verzeichnen, wird die Dynamik der Haushaltszahlen deutlich höher sein als die der Bevölkerung. Seit 2000 kamen in Deutschland über 3,5 Millionen Haushalte hinzu.
Trügt also die Hoffnung, der demografische Wandel werde den Wohnungsmangel irgendwann von selbst lösen?
So ist es. Der demografische Wandel macht uns eher noch einen weiteren Strich durch die Rechnung. Durch die steigende Lebenserwartung zementieren sich ungünstige Wohnflächenverteilungen noch länger. Wenn wir dieses Eis nicht gebrochen bekommen, müssen wir rechnerisch immer mehr Neubau realisieren, um alle Haushalte angemessen zu versorgen — in Zeiten unsicherer Zinsen und steigender Baukosten.
Makler und Verwalter erleben vor Ort, warum Menschen nicht umziehen. Wird dieses Praxiswissen ausreichend genutzt?
Mein Eindruck ist, dass das Problem inzwischen erkannt und verstanden wird. Statt „bauen, bauen, bauen“ hören wir in letzter Zeit sehr häufig das Beispiel der eigenen Eltern, die „auf so viel Wohnfläche wohnen“. Aber es fehlen die Instrumente. . Und um Instrumente einsetzen zu können, fehlen auch wichtige Informationsgrundlagen.
Sie haben von einer „Wohnungsversorgung im Nebel“ gesprochen. Wo fehlt der Durchblick?
Manchmal hat man den Eindruck, wir sind Weltmeister der Mittelwerte. Aber Durchschnitte bedeuten nicht automatisch auch Durchblick. Wir wissen aus der Wohnungswirtschaft, dass es aus unterschiedlichsten Gründen sehr wenig Informationen über die Wohnsituationen hinter laufenden Mietverträgen gibt. Je länger ein Mietvertrag besteht und je weniger eine Wohnungsgesellschaft über den Haushalt weiß, der in der konkreten Wohnung lebt, desto schwieriger wird die Planung.
Wir wissen viel über Gebäude. Wissen wir zu wenig über die Menschen, die darin wohnen?
Genau da liegt das Problem. Wir haben kein Gefühl dafür, ob Mieterhaushalte eigentlich in angemessenen oder ungünstigen Verhältnissen wohnen. Wir wissen nicht, ob die Wohnung in einigen Jahren genauso gut passen wird wie heute. Und wir wissen schon gar nicht, ob die Probleme vom Haushalt selbst überhaupt wahrgenommen werden.
Wie erhebt man solche Informationen, ohne dass Menschen sich kontrolliert fühlen?
Das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Wir erproben derzeit verschiedene Zugänge. Oft kommt es auf den Absender an. Außerdem spielt eine große Rolle, für welchen Zweck man um diese Informationen bittet. Da macht es einen großen Unterschied, ob der Vermieter oder die Bürgermeisterin fragt, ob es ein Forschungsinstitut oder die Förderbank ist — oder jemand ganz anderes.
Sie arbeiten mit dem Begriff „Wohnkontext“. Was meinen Sie damit?
Es geht um die Verbindung von Wohnung, Haushalt und Lebenssituation. Die berühmten Durchschnittswerte verschlucken die entscheidenden Details. Wenn wir heute rechnerisch 50 Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung haben, sehen wir nicht, dass Millionen Menschen auch in viel zu kleinen Wohnungen wohnen — oder auf sehr großzügiger Fläche. Der Mittelwert kennt den konkreten Fall und die konkrete Verteilung nicht. Das möchten wir knacken, indem wir zwischen Passgenauigkeit, Langfristigkeit und Zufriedenheit eine statistische Schnittmenge bilden.
Können Sie diese drei Kriterien an einem Beispiel erklären?
Unsere bisherigen Analysen zeigen, dass die Zielgenauigkeit in der Ansprache stark von diesen drei Themen abhängt. Stellen Sie sich eine ältere Dame im Ruhestand vor, die allein in einer Wohnung lebt, die sie früher mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann und den ausgezogenen Kindern geteilt hat. Bei der Passgenauigkeit liegen die Fragen auf der Hand. Aber ist die Wohnung auch im hohen Alter geeignet? Denken wir etwa an Barrieren oder an die Unterhaltung einer so großen Wohnung. Solange diese Person zufrieden mit ihrer Situation ist, müssen wir sie ganz anders ansprechen als jemanden, der schon länger mit seiner Wohnsituation fremdelt. Mit unzufriedenen Menschen kommt man in der Regel gut ins Gespräch.
Können Sie diese drei Kriterien an einem Beispiel erklären?
Unsere bisherigen Analysen zeigen, dass die Zielgenauigkeit in der Ansprache stark von diesen drei Themen abhängt. Stellen Sie sich eine ältere Dame im Ruhestand vor, die allein in einer Wohnung lebt, die sie früher mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann und den ausgezogenen Kindern geteilt hat. Bei der Passgenauigkeit liegen die Fragen auf der Hand. Aber ist die Wohnung auch im hohen Alter geeignet? Denken wir etwa an Barrieren oder an die Unterhaltung einer so großen Wohnung. Solange diese Person zufrieden mit ihrer Situation ist, müssen wir sie ganz anders ansprechen als jemanden, der schon länger mit seiner Wohnsituation fremdelt. Mit unzufriedenen Menschen kommt man in der Regel gut ins Gespräch.
Warum ziehen Menschen um? Reicht „zu groß“ oder „zu klein“ als Motiv?
Die Faktoren sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich gewichtet. Häufig bildet sich über die Zeit ein Bündel von Umzugsmotiven, bis ein konkreter Anlass den Ausschlag gibt: ein neuer Job, ein Enkelkind in der Nähe oder eine Wohnsituation, die schon länger nicht mehr passt.
Warum braucht der Bestand Neubau, um wieder in Bewegung zu kommen?
Wenn in einem Siedlungszusammenhang überhaupt keine kompakten Mietwohnungen vorhanden sind oder angeboten werden, werden wir niemanden zum Umzug bewegen können, der eine eigentlich zu große Wohnung freimachen will. Neubau kann hier wichtige Impulse setzen, wenn er treffsicher erfolgt und gezielt die Anforderungen bedient, die in der jeweiligen Situation bestehen.
Die These „Bestand besser nutzen statt neu bauen“ greift also zu kurz?
Ja. Bedürfnisse ändern sich, und damit ändern sich auch die Anforderungen an den Wohnraum. Selbst bei stagnierender Bevölkerungszahl haben wir eine wachsende Nachfrage. Bestehende Gebäude kommen ans Ende ihrer Lebenszeit und sind ab einem bestimmten Punkt sinnvollerweise zu ersetzen. Und wir müssen unsere Städte weiterbauen und besser machen. Gerade um eine bessere Nutzung des Bestehenden zu induzieren, braucht es am eingefrorenen Wohnungsmarkt den Neubau als Impulspunkt.
Warum helfen kleine Wohnungen auch Familien?
Kleine Wohnungen im Neubau helfen größeren Haushalten dann, wenn sie auf kleine Haushalte abzielen, die aktuell noch familientaugliche Wohnungen belegen. Über fünf Millionen Einpersonenhaushalte wohnen aktuell auf 80 Quadratmetern und mehr. Diese Haushalte können wir nicht zwingen umzuziehen. Wir können sie nur durch besser passende, bezahlbare und im räumlichen Nahfeld lokalisierte neue Angebote aktivieren. Hier muss ein wirklich attraktiver Strauß gebunden werden.
Was macht eine solche Alternative attraktiv?
Die Nähe zum angestammten Wohnort ist immens wichtig. Wir sagen immer, dass die neue Wohnung innerhalb der angestammten Gassirunde liegen muss. Dann kann das Angebot schnell überzeugend werden. Wir müssen dieses Thema auch im Zusammenhang von selbstgenutzten Eigenheimen und passenden Angeboten im Geschosswohnungsbau denken. Wenn dieser Transfer gelingt, werden wir nennenswerte Hebeleffekte sehen.
Sind Makler und Verwalter eine Art Frühwarnsystem für lokale Wohnungsmarktprobleme?
Bei uns bewähren sich Makler und Verwalter wie auch andere Akteure schon heute als wichtige Elemente eines Frühwarnsystems. Ihre Befunde entstehen sehr nah am Marktgeschehen. Ein gutes Beispiel ist das Wohnungsmarktbarometer für Berlin, das wir seit mehr als 15 Jahren für die Investitionsbank Berlin durchführen. Darin werden alle wichtigen Akteure gebeten, ihre aktuelle Markteinschätzung zu geben. Dieses Instrument hat sich sehr bewährt und weist regelmäßig frühzeitig auf kommende Problemlagen hin.
Ist Bezahlbarkeit der Realitätscheck für alle wohnungspolitischen Ziele?
Ja. Mir ist völlig klar, dass Bezahlbarkeit ein sehr individuelles Kriterium ist. Aber eine „Lösung“, die nicht bezahlbar ist, kann keine echte Lösung werden. Wichtig ist, alle Komponenten der Wohnkosten im Blick zu behalten. Es geht nicht nur um die Nettokaltmiete, sondern auch um kalte und warme Betriebskosten — und um Aspekte wie die Angemessenheit der Wohnung oder die Dauerhaftigkeit der Wohnsituation. Erst im Gesamtpaket kann man Bezahlbarkeit tatsächlich bewerten.
Die Branche hört seit Jahren: schneller, einfacher, günstiger bauen. Reicht das?
Wenn wir ehrlich sind, beneidet doch niemand die Politik um dieses Dilemma. Allein mit weniger Verwaltung, Regulatorik oder Fördermitteln wird man die Herausforderungen nicht bewältigen. Wir müssen neue Wege einschlagen — technisch, in der Organisation des Wohnens und in der Verknüpfung von Neubau und Bestand. Es muss innovativer, intelligenter und integrierter werden.
Was passiert mit dem mittleren Marktsegment, wenn freifinanzierter Neubau immer teurer wird?
Wir sehen mit Sorge, dass zwischen einem teils stark subventionierten Bereich und den Spitzenmieten die Lücke immer größer wird. Für die Mitte der Gesellschaft fehlen die passenden Wohnungen. Dadurch erhöht sich die Nachfrage in den Segmenten darunter — dort, wo sie ohnehin schon am höchsten ist. Zugleich sehen wir zunehmend rechnerisch überbelegte Wohnungen: Nach der Definition der EU-Sozialstatistik leben in Deutschland bis zu zehn Millionen Menschen in zu kleinen Wohnungen. Gerade für die mittleren Nachfragesegmente sehe ich Chancen, im Bestand Potenziale zu erschließen. Sonst schaut der gesellschaftliche Mittelstand immer mehr in die Röhre.
Was würden Sie einem mittelständischen Makler- oder Verwaltungsunternehmer für die nächsten fünf Jahre raten?
Das Wirtschaftsgut Wohnimmobilie wird weiter funktionieren. Es ist aber nichts für Glücksritter, sondern für Menschen mit langfristiger Perspektive, Ausdauer und der Fähigkeit, neue Entwicklungen zu antizipieren. Zentral wird sein, Klarheit darüber zu gewinnen, wie der eigene Bestand wirksam dekarbonisiert werden kann. Mit den neuen Energielösungen werden wir stärker in der Logik der warmen Wohnkosten denken müssen. Damit sind wir wieder bei der Bezahlbarkeit.
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